Achtung: Steigende Zinsen und der „Titanic-Effekt"

Am 14. April 1912 um 23:40 Uhr riss sich die Titanic, das legendäre Passagierschiff, das als unsinkbar galt, auf der Fahrt von Southampton nach New York den Rumpf an einem Eisberg auf. Die Schotten liefen voll Wasser, und in nur 2 Stunden und 40 Minuten versank das Schiff im eisigen Wasser des Nordatlantik. Schätzungsweise 1.517 Menschen verloren dabei ihr Leben. Vor allem auch, weil die Titanic nicht genügend Rettungsboote mitführte, und es der Besatzung nicht gelang, per Funk Hilfe zur rechten Zeit herbeizurufen.

Achtung: Steigende Zinsen und der „Titanic-Effekt
Achtung: Steigende Zinsen und der „Titanic-Effekt

Und um im Bilde zu bleiben: So wie die Eisbergkollision der Titanic letztlich zu ihrem Untergang führte, so kann ein fortgesetzter Zinsanstieg das Weltfinanz- und -wirtschaftssystem in sehr große Bedrängnis führen, im Extremfall sogar einen fatalen Zusammenbruch des Finanz- und Wirtschaftssystems auslösen; nennen wir das den „Titanic-Effekt“.

Seit 2020 sind die Zinsen mehr oder weniger stetig nach oben geklettert. So ist beispielsweise die Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen von 0,65 Prozentpunkte auf nunmehr 4 ½ Prozent gestiegen. Doch mittlerweile scheint der Zinsanstieg eine Eigendynamik gewonnen zu haben, mehr geworden zu sein als nur eine „Normalisierung“, die die Zinsen von extrem niedrigen Niveaus auf historisch gesehen übliche Höhen zurückbefördert.

Auf den Kreditmärkten machen sich Zweifel an der Kreditqualität vieler Schuldner breit, allen voran an den staatlichen Schuldnern. Wenig verwunderlich, angesichts der gewaltigen Schuldenberge, die die Regierungen, nicht selten eifrig angefeuert von den Regierten, in den letzten Jahrzehnten aufgetürmt haben. Das Leben auf Pump war ja auch relativ einfach möglich, weil die Zinsen immer weiter abgesunken sind. 

Für diesen Zinsrückgang waren vor allem die Zentralbanken mit ihrem Fiatgeldregime verantwortlich: Sie, in enger Kooperation mit den Geschäftsbanken, weiten nämlich die Geldmengen per Kreditvergabe immer weiter aus. Nicht nur Konsumenten und Produzenten, sondern vor allem auch den Staaten wird es so möglich gemacht, ihre Ausgaben in großem Umfang per Kredit zu finanzieren, und das mit niedrigen Kreditkosten.

Doch die steigenden Zinsen setzen dem nun ein Ende, denn sie lassen jetzt die Zinsrechnung massiv ansteigen. Und das ist ein gewaltiges Problem. Schließlich zahlen die Staaten ihre fälligen Kredite ja nicht netto zurück. Vielmehr ersetzen sie fällige Schulden mit neuen Schulden — was dann gut funktioniert, wenn die Zinsen immer weiter absinken. 

In einem überschuldeten Fiatgeldregime sind steigende Kreditzinsen — um im Bild zu bleiben — so etwas wie ein Riss im Schiffsrumpf, durch den das Wasser eindringt: Die Zinsrechnung für die ausstehenden Schulden steigt immer weiter an, weil ja die fälligen Kredite, die nicht zurückgezahlt werden, mit neuen Krediten refinanziert werden müssen, die einen nunmehr erhöhten Zins tragen. Und zusätzlich dazu werden auch noch neue Schulden gemacht.

Beispiel Vereinigte Staaten von Amerika. Mitte 2020 belief sich die Zinsrechnung des US-Staates auf 508 Mrd. USD. Im ersten Quartal 2026 war sie bis auf 1.219 Mrd. USD angestiegen. Damals lagen die Schulden noch bei 26,4 Billionen USD, jetzt liegen sie bei etwa 39 Billionen USD. Der durchschnittliche Refinanzierungszins liegt derzeit bei 3,1 Prozent. Und würde er dauerhaft auf 4½ Prozent ansteigen, müssten die Amerikaner jedes Jahr knapp 1,8 Billionen USD Zinsen zahlen.

Schon jetzt liegt die Zinslast bei 3,8 Prozent der Wirtschaftsleistung, und damit deutlich höher als das durchschnittliche Wirtschaftswachstum; und bei einem Zins von 4½ stiege sie auf Sage und Schreibe 5,8 Prozent. In anderen Volkswirtschaften sieht es übrigens ganz ähnlich oder noch schlimmer aus — man denke an Japan, Frankreich, Italien Großbritannien, Deutschland.

Man muss kein Raketenwissenschaftler sein, um zu verstehen, dass sich das dauerhaft nicht durchhalten lässt — denn das ist wie ein Wassereinbruch, der sich in den Schiffsrumpf ergießt, und der, wenn er nicht gestoppt wird, zum Untergang führen wird; zwar nicht sofort und unmittelbar, aber doch nach und nach läuft das Schiff voll und geht unter.

Mit was muss der Anleger nun rechnen? Eine Antwort auf diese Frage zu finden, ist vermutlich gar nicht so schwer, wie man zunächst denken mag, weil sie ja in gewisser Weise vorbestimmt ist — denn der Zins in den Märkten ist längst politisiert durch die Zentralbanken: Kein Zweifel, der Marktzins kann im Grunde jederzeit, wenn es politisch gewünscht ist, von den Zentralbankräten kontrolliert werden.

Bislang haben die Zentralbankräte jedoch von ihrer Macht über den Zins nicht voll Gebrauch gemacht, haben zugelassen, dass die Kapitalmarktzinsen in den letzten Jahren immer weiter in die Höhe geklettert sind; vermutlich haben sie das bislang als eine Art „Zinsnormalisierung“ angesehen.

Doch weiter steigende Zinsen werden, wie bereits gesagt, das Fiatgeldsystem in extrem schweres Fahrwasser manövrieren. Sie können sogar die weltweite Schuldenpyramide zum Einsturz bringen. Denn die steigenden Zinsen verschlechtern die Schuldentragfähigkeit vieler Kreditnehmer — und das wiederum führt zu steigenden Refinanzierungskosten. Eine unheilvolle Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen (immer mehr Wasser dringt in den Rumpf). 

Nicht nur die Konjunktur, vor allem auch die Vermögensmärkte geraten unter verstärkten Druck, wenn die Zinsen weiter steigen beziehungsweise hoch bleiben. Viele Investitionen rechnen sich dann nicht mehr, Firmen melden Pleite an, Arbeitsplätze gehen verloren. Und steigende Zinsen senken die Preise von, sagen wir, Aktien, Grundstücken, Häusern und Rohstoffen.

Sehr wahrscheinlich werden daher die Zentralbankräte, wenn die Kreditzinsen zu hoch, wenn sie politisch untragbar werden, in die Kreditmärkte eingreifen. Beispielsweise indem sie Schuldpapiere aufkaufen und die Käufe mit neu geschaffenem Geld bezahlen. Die Konsequenz wird sein: Geldmengenvermehrung und früher oder später steigende Güterpreise auf breiter Front .

An dieser Stelle seien vier, für den Investor wichtige Schlussfolgerungen genannt:

  1. Der Investor steht vor der Herausforderung, sein Kapital vor der Geldentwertung zu bewahren — die Inflation (die Güterpreissteigerungen auf breiter Front) ist für ihn bis auf Weiteres das größere Risiko als die Deflation (also der fortgesetzte Güterpreisverfall auf breiter Front).

  2. Der Investor muss — und das ist ganz wichtig zu verstehen — einen positiven Realzins nach Steuern erzielen, denn nur so wird er der Inflation entkommen; ein positiver Realzins nach Steuern ist auch der einzige Weg für den Investor, um sein Kapital zu mehren.

  3. Mit Termin- und Spareinlagen, Geldmarktfonds und Staatsanleihen lässt sich eine positive Realrendite nach Steuern nicht mehr erzielen. Was bleibt ist zum Beispiel der Aktienmarkt. Allerdings ist hier, ganz wichtig, zu beachten: Der Anleger muss Sorge dafür tragen, dass er Aktien nicht zu überteuerten Kursen kauft — sonst läuft er Gefahr, dass er nicht die erforderliche Realrendite (nach Steuern) erzielen kann.

  4. Einen Teil des Portfolios sollte der Anleger (weiterhin) in Gold und Silber halten. Auch wenn die Edelmetallpreise derzeit eine Korrektur durchlaufen, so hat der Investor doch gute Gründe, mit einer baldigen Fortsetzung des langfristigen Aufwärtstrend der Gold- und Edelmetallpreise zu rechnen. Gold und Silber sind eine Versicherung mit Preissteigerungspotential für das Investment-Portfolio — sie sind gewissermaßen die Rettungsboote, die für den Investor in einem Fiatgeldregime unverzichtbar sind, in dem nun ein Titanic-Effekt um sich greift, und es nicht absehbar ist, wie weit die Schotten noch voll Wasser laufen. 

 

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