Die wichtigste Währung: Vertrauen

Einen Blogartikel über Währungen könnte man damit beginnen, sich über Inflation und Zins zu sorgen oder die Ersatzwährung Gold zu thematisieren. Stattdessen möchte ich mit einer Kurzgeschichte starten:

Stellen Sie sich einen Vater vor, der seiner zehnjährigen Tochter zum Geburtstag eine kleine Holzkiste schenkt. Die Tochter öffnet sie neugierig. Darin liegen einige alte Silbermünzen, eine kleine Goldmünze und ein handgeschriebener Brief:

"Diese Münzen sollen dich nicht reich machen. Sie sollen dich daran erinnern, dass es Dinge gibt, die ihren Wert behalten – selbst wenn sich die Welt verändert. Aber noch wichtiger als das Gold und das Silber ist etwas anderes: Vertraue nie blind. Lerne zu verstehen, wem und was du dein Vertrauen schenkst."

Die Tochter versteht den Satz zunächst nicht. Viele Jahre später erlebt sie Finanzkrisen, Inflation, Bankenrettungen, geopolitische Spannungen und eine immer komplexere Finanzwelt. Und plötzlich erkennt sie: Die eigentliche Botschaft ihres Vaters handelte nie vom Gold. Sie handelt davon, wie Vertrauen entsteht.

Die wichtigste Währung: Vertrauen

Vertrauen entsteht aus Charakter und Reputation

Wir leben heute in einer Zeit, in der Informationen im Überfluss vorhanden sind: Noch nie war es einfacher, Börsenkurse abzurufen und mit wenigen Klicks Aktien oder Bitcoins zu kaufen.

Und gleichzeitig war es wahrscheinlich noch nie schwieriger, Wahrheit von Meinung zu unterscheiden. Denn jeder ist Experte. Reichweite wird für Reputation gehalten. Fakenews fluten das Netz. Kurz: Je mehr Informationen verfügbar sind, desto wertvoller wird Orientierung.

Finanzplaner sorgen bekanntlich dafür, dann über Geld zu verfügen, wenn man es braucht. Vermögen aufbauen und erhalten, ist aber nicht nur ein Zahlenbusiness. Vermögen bedeutet Sicherheit, Freiheit und Möglichkeiten. Und oft auch Verantwortung gegenüber der Familie. Deshalb beginnt gute Finanzplanung niemals beim Depot. Sie beginnt beim Menschen.

Heute vor 250 Jahren legte der schottische Moralphilosoph und Ökonom Adam Smith sein wichtigstes Werk „Wohlstand der Nationen“ auf. Smith stellt einen interessanten Ausgangspunkt dar, weil Vertrauen bei ihm bereits vor der modernen Ökonomie eine zentrale Rolle spielt: “We trust the man who seems willing to trust us.” Vertrauen ist für Smith keine rein wirtschaftliche Kategorie. Es entsteht aus dem Verhalten eines Menschen – und wird über dessen Reputation gesellschaftlich sichtbar. Im folgenden möchte ich auf vier Prinzipien eingehen, die grosse Denker über Vertrauen geäussert haben.

Ohne Vertrauen kollabieren Geldtransaktionen

Der deutsche Soziologe und Philosoph Georg Simmel (1858–1918) hat in seiner Philosophie des Geldes explizit das Verhältnis von Geld, Kredit und Vertrauen untersucht. Seine zentrale Aussage: “Money transactions would collapse without trust.” Nach Simmel ist Geld letztlich ein Vertrauenssystem.

Vertrauen als „Schmiermittel“ der Wirtschaft

Der Nobelpreisträger Kenneth J. Arrow (1921–2017) formulierte wahrscheinlich das bekannteste ökonomische Zitat über Vertrauen: “Trust is an important lubricant of a social system.” Nach Arrow sei Vertrauen äußerst effizient, weil es den Aufwand reduziert, der notwendig ist, um sich auf das Wort anderer Menschen zu verlassen. Es ist also nicht nur eine moralische Tugend, sondern besitzt einen konkreten ökonomischen Wert: Es reduziert Reibung und Kosten.

Vertrauen reduziert Komplexität

Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann (1927–1998) hat mit Vertrauen (1968) eines der grundlegenden Werke zum Thema geschrieben — seine bekannteste Formel lautet: „Vertrauen ist ein Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität.“

Luhmann betrachtet Vertrauen als eine Art Entscheidung unter Unsicherheit. Wir können die Zukunft nicht kennen und müssen dennoch handeln. Vertrauen macht diese Handlungsfähigkeit überhaupt erst möglich. Genau wie in der Finanzplanung: Wir treffen heute Entscheidungen für eine Zukunft, die wir nicht kennen können.

Vertrauen schafft Wohlstand

Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama machte Vertrauen zu einem expliziten wirtschaftlichen Erfolgsfaktor: “The level of trust inherent in a society”

Er bezeichnet Vertrauen als eine zentrale kulturelle Voraussetzung für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Gesellschaften mit hohem Vertrauen können Kooperation einfacher organisieren. Vertrauen wird damit zu einer Form von sozialem Kapital.

Natürlich liesse sich die „Philosophie des Vertrauens“ noch weiterführen, aber ich will ja niemanden langweilen. Daher kurz und knackig mein Fazit: "Vertrauen ist die Währung hinter der Währung. Also gleichsam die wichtigste Währung".

Der Preis von Vertrauensgütern

Noch ein kleiner Exkurs zur Unterscheidung von Gütern - denn damit lässt sich erstaunlich gut erklären, warum Vertrauen heute so wichtig geworden ist.

Die erste Kategorie sind Suchgüter: Hier können wir die Qualität bereits vor dem Kauf beurteilen.Wir vergleichen Eigenschaften, Preise und Bewertungen zum Beispiel eines Autos. Je besser wir suchen, desto sicherer wird unsere Kaufentscheidung.

Die zweite Kategorie sind Erfahrungsgüter: Ob sie wirklich gut sind, wissen wir erst nach dem Kauf, zum Beispiel beim Besuch eines Restaurants. Wir müssen sie erleben.

Und dann gibt es die dritte Kategorie: Vertrauensgüter. Hier können wir selbst nach dem Kauf oft gar nicht beurteilen, ob die Qualität wirklich gut war. Dazu gehören beispielsweise medizinische Behandlungen - Wir schliessen vom Zustand des Wartezimmers auf die Kompetenz des Arztes…

Oder eben Finanzberatung. Aber, Hand aufs Herz: Wer weiss schon mit Sicherheit, ob seine Finanzstrategie wirklich optimal war? Wenn sich die Börsen gut entwickeln, glauben viele automatisch an eine gute Beratung. Steigen die Märkte zwanzig Jahre lang, fühlen sich fast alle als erfolgreiche Investoren.

Doch war die Strategie wirklich gut? Oder hatte man einfach Rückenwind?

Die Antwort kennen wir oft erst Jahrzehnte später. Gerade deshalb spielt Vertrauen in der Finanzbranche eine so zentrale Rolle.

Doch Vertrauen darf niemals blind sein. Vertrauen muss verdient werden.

Ein Finanzplaner sollte deshalb nicht Verkäufer sein.

Er sollte Übersetzer sein. Er sollte Komplexität reduzieren. Zusammenhänge erklären.

Risiken sichtbar machen. Und manchmal auch den Mut haben, von einer Investition abzuraten.

Schweiz: Das Plus an Vertrauen

Die Schweiz geniesst weltweit einen aussergewöhnlichen Ruf. Warum eigentlich?

Das Schweizer Kreuz ist jedenfalls nicht als Plus-Zeichen zu lesen…

Die Schweiz ist klein und verfügt über keine Bodenschätze.

Die hohe Reputation ist großenteils auf Vertrauen zurückzuführen.

Vertrauen in stabile Institutionen. Vertrauen in Eigentumsrechte. Vertrauen in Rechtssicherheit. Vertrauen in langfristiges Denken. Dieses Vertrauen wurde nicht in wenigen Jahren aufgebaut — es entstand über Generationen.

Dieses Plus an Vertrauen geniessen auch Edelmetalle, weil sie seit Jahrhunderten eine besondere Eigenschaft besitzen:  Sie sind niemandes Zahlungsversprechen. Gold kennt kein Insolvenzrisiko. Silber kennt keinen Verwaltungsrat. Es gibt keine Bilanz. Keine Bonität. Keine Gewinnwarnung.

Gold und Silber sind reale Vermögenswerte und geniessen seit Jahrtausenden Vertrauen. Interessanterweise hat Gold seinen Wert nie dadurch erhalten, dass Regierungen ihn verordnet hätten. Menschen haben Gold vertraut. Über Kulturen hinweg. Über Jahrtausende hinweg. Über Währungen hinweg. Reiche entstanden und verschwanden. Papiergeld kam und ging. Doch Gold und Silber blieben. Sie bedeuten Sicherheit und Werterhalt über Generationen.

Vertrauen in Form von Münzen und Barren

Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal zur Geschichte mit der kleinen Holzkiste zurückkehren.

Viele Jahre später sitzt die Tochter selbst mit ihrem Sohn am Tisch. Sie öffnet dieselbe Holzkiste. Die Münzen liegen noch immer darin. Nicht mehr glänzend. Nicht spektakulär, aber unverändert. Sie gibt sie ihrem Sohn weiter. Und sie legt einen neuen Brief dazu:

"Ich vererbe dir nicht einfach Gold und Silber. Ich vererbe dir eine Haltung. Hinterfrage. Lerne. Übernimm Verantwortung. Und schenke dein Vertrauen nur Menschen und Werten, die es sich langfristig verdienen."

 

Adam Smith, The Theory of Moral Sentiments (1759), Part VII

Georg Simmel, The Philosophy of Money (1900/1907), S. 179

Kenneth J. Arrow, The Limits of Organization (1974), S. 23

Niklas Luhmann, Vertrauen, Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität (1968)

Francis Fukuyama, Trust: The Social Virtues and the Creation of Prosperity (1995)

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